Rede beim Kongress der Deutsch-Polnischen Gesellschaft

Die Deutsch-Polnische Gesellschaft ist ein eingetragener Verein und Zusammenschluss verschiedener regionaler Gesellschaften, die sich der Versöhnung und Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Polen zum Ziel gesetzt haben. 

Sehr geehrte Damen und Herren,

diese Rede heute ist für mich eine echte Premiere. Ich habe hier im Saarland schon Filmfestivals und Gewerbegebiete eröffnet, unzählige Wahlkampfreden gehalten und über die Zukunft des Stahls gesprochen. Aber ich kann mich nicht erinnern, hier im Saarland jemals über unsere Freundschaft zu Polen geredet zu haben.

Umso schöner, dass ich dieses Versäumnis heute beheben kann.

Rein geographisch gesehen ist das Saarland nicht unbedingt die naheliegende Wahl für den Kongress der Deutsch-Polnischen Gesellschaften. Aber, lieber Dietmar, es ist eine gute Wahl!

Denn wir Saarländer wissen, wie wichtig die Freundschaft zu unseren europäischen Nachbarn ist. Auch wenn unser Blick dabei, ehrlich gesagt, meist Richtung Frankreich oder vielleicht noch nach Luxemburg geht und selten nach Polen.

Zu selten! Denn um im Bild der Nachbarschaft zu bleiben: Deutschland in Europa – das ist kein Reihenendhaus. Mit neun Nachbarländern liegen wir sozusagen mittendrin im Viertel.

Und für unseren Nachbarn Polen gilt genauso wie für Frankreich: Wir sind uns sehr nah. Und wir wachsen immer enger zusammen.

Ich habe das erst vor kurzem erlebt, als ich Frankfurt an der Oder und Słubice besucht habe. Die Bezeichnung „Doppelstadt“ trifft es ganz gut, denn für die Menschen ist der Gang oder die Fahrt über die Oder längst tägliche Routine.

Über einen Fluss, der vor nicht allzu langer Zeit noch eine harte Grenze war.

Heute gibt es zweisprachige Kitas und zwei Bürgermeister, die sogar ihre Schwimmbäder gemeinsam planen.

Und als ich am zweisprachigen Gymnasium mit Schülerinnen und Schüler beider Länder gesprochen habe, da war schnell klar: Nicht die Nationalität, sondern der Musikgeschmack ist das eigentliche Unterscheidungsmerkmal.

Meine Damen und Herren,

ich habe mich an diesen Besuch erinnert, als ich vor ein paar Tagen vom Literaturnobelpreis für Olga Tokarczuk erfahren habe. Das Preiskomitee hat sie für ihre „erzählerische Vorstellungskraft“ gewürdigt, die „Grenzen überschreitet“.

Das ist durchaus wörtlich zu verstehen. Olga Tokarczuk beschäftigt sich intensiv mit Grenzen, mit den Wurzeln ihrer niederschlesischen Heimat, die mal preußisch, mal polnisch, mal böhmisch und mal österreichisch war. Und sie schreibt darüber, wie scheinbar zufällig solche nationalen Zuordnungen in der Geschichte erfolgt sind.

Als Saarländer kann ich das gut nachvollziehen. Meine Großmutter hat ihr Leben lang immer in der gleichen Straße gewohnt – und hatte trotzdem fünf verschiedene Pässe.

Und diese europäische Geschichte, meine Damen und Herren, ist nicht nur eine Geschichte verschiedener Pässe. Denn: Fast jeder dieser Passwechsel, dieser Grenzverschiebungen ging einher mit Leid und Flucht, mit Krieg zwischen Nachbarn. Und allzu oft war Deutschland der Auslöser.

Es ist wichtig, das nicht zu vergessen. Weil im Erinnern daran deutlich wird, welch großes Glück es ist, heute in einem vereinten Europa zu leben. Und diesen Schatz, dieses Europa ohne Mauern und Schranken, das müssen gerade wir, Deutsche und Polen, gemeinsam bewahren.

In diesen Tagen feiern wir das 30-jährige Jubiläum des Mauerfalls und der friedlichen Revolution von 1989.

Eine Revolution, die wir auch dem Mut und dem Freiheitswillen der Menschen in Mittel- und Osteuropa verdanken, allen voran den Menschen in Polen, die sich schon in den 80er Jahren gegen die kommunistischen Machthaber aufgelehnt haben.

Dieser Herbst 1989, für mich hat er zwei Dinge ganz deutlich gezeigt:

Erstens: Wenn wir Europäer über Grenzen hinweg denken und handeln, dann können wir den Lauf der Geschichte verändern.

Und zweitens: Es lohnt sich, etwas zu riskieren für Freiheit, Gerechtigkeit, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie. Denn: Nichts davon ist selbstverständlich.

Aus diesem Vermächtnis entsteht eine Verantwortung im Hier und Jetzt – für Deutsche und für Polen.

Die Verantwortung,

• die verbliebenen Mauern einzureißen, die es in manchen Köpfen noch gibt.

• Neue Gräben zu vermeiden in Europa – sei es in der Wirtschafts- und Finanzpolitik oder in der Flüchtlingsfrage.

• Und ein starkes, souveränes, solidarisches Europa zu bauen in einer Welt, in der wir als Nationalstaaten immer weniger Einfluss haben.

Ich habe meinem polnischen Kollegen deshalb eine noch engere Partnerschaft angeboten, um Europa gemeinsam voranbringen. Das wird umso wichtiger, wenn Großbritannien tatsächlich aus der EU ausscheidet. Denn dann wird Polen umso mehr in der ersten Reihe gebraucht.

Die Grundlagen für diese engere Partnerschaft haben wir in den vergangenen Monaten schon gelegt.

Seit meinem Amtsantritt war ich sechs Mal in Polen zu Gast. Und mein polnischer Kollege hat mich fünf Mal besucht, von den unzähligen Treffen in Brüssel, New York und anderswo ganz abgesehen.

Natürlich kommen dabei auch unterschiedliche Sichtweisen zur Sprache – wie sollte das auch anders sein unter Nachbarn und Freunden.

Aber solche Unterschiede dürfen uns nicht trennen.

Im Gegenteil: Wir sollten sie als Ansporn nehmen, noch enger zusammenzuarbeiten und den anderen noch besser zu verstehen.

Ich will Ihnen ein Beispiel nennen: Am 1. August durfte ich an den Feierlichkeiten zum 75. Jahrestag des Warschauer Aufstands teilnehmen. Und ich habe das als eine große Ehre empfunden.

Hier in Deutschland wurde danach aber in einigen Medien berichtet: „Maas gedenkt dem Warschauer Ghetto“. Die Geschichte des Warschauer Aufstands, der Mut und der Freiheitswillen, den die Warschauerinnen und Warschauer damals gezeigt haben – darüber wissen viele Deutsche noch viel zu wenig.

Und wer diese Geschichte nicht kennt, der wird auch nicht verstehen, warum viele Polen und Deutsche auch heute noch anders auf Begriffe wie Freiheit, Nation oder Souveränität blicken.

Deshalb, meine Damen und Herren, braucht es Übersetzer wie Sie. Menschen,

• die unsere Geschichte erfahrbar machen.

• Die der deutsch-polnischen Freundschaft ein Gesicht geben.

• Die zeigen, was für eine Bereicherung zwei Millionen Mitbürgerinnen und Mitbürger mit polnischen Wurzeln für Deutschland sind.

Für dieses großartige Engagement möchte ich Ihnen allen sehr herzlich danken!

Und eine Person möchte ich in diesen Dank heute ganz besonders einschließen. Eine Frau, die sich seit Jahrzehnten mit Herzblut und großer wissenschaftlicher Kompetenz für die deutsch-polnischen Beziehungen einsetzt.

Sehr geehrte Frau Prof. Wolff-Powęska, ich freue mich, dass Sie dafür heute mit dem Dialog-Preis ausgezeichnet werden. Herzlichen Glückwunsch!

Sie stehen für die vielen Menschen und Initiativen, die sich dafür engagieren, dass das Wissen übereinander wächst.

Und so die Grenzen in den Köpfen verschwinden.

Und damit bin ich noch einmal bei Olga Tokarczuk. Sie hat in einem Essay einmal über die „Macht der Oder“ sinniert und davon geträumt, dass sich die Menschen entlang des Flusses eines Tages als „Oderländer“ definieren. Man könnte auch einfach sagen: als Europäer.

Mir kommt das gar nicht so utopisch vor.

Als ich im August in Frankfurt über die Oderbrücke gelaufen bin, fiel mir ein Schild auf. Darauf stand: „Ohne Grenzen, bez granic“.

Die meisten Leute laufen achtlos daran vorbei. Denn es drückt eh nur aus, was für sie längst Alltag ist: Gelebte Nachbarschaft, die keine Mauern und Schranken mehr kennt.

Was für ein Glück!

Veröffentlicht am: 4.11.2019

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