Meine Heimat ist dort, wo das Recht die Freiheit sichert

Was Heimat bedeutet, wissen vielleicht jene am besten, die sie verloren haben oder auf der Suche nach ihr sind. Heimat ist auf jeden Fall ein wichtiges Stück zum Glück. Deshalb ist sie zu wertvoll, um sie Konservativen und Rechtspopulisten zu überlassen.

Ich weiß nicht, woran Horst Seehofer denkt, wenn er von Heimat spricht. Vielleicht denkt er an Dirndl und Dialekte, an Neuschwanstein und Ludwig II., oder an eine "konservative Revolution".

Ich habe eine andere Vorstellung von Heimat. Für mich ist Heimat mehr als bloß Folklore. Sie hat nichts mit verkitschter Vergangenheit zu tun, sondern damit, wie wir in Zukunft leben wollen. Heimat wird für mich durch gemeinsame Werte bestimmt, nicht durch Herkunft oder Hautfarbe.

Ein moderner Heimatbegriff darf nicht nur von ortsverbundenem Pathos geprägt sein, sondern auch von Ideen und Überzeugungen, die uns verbinden und die grenzenlos sein können.

Heimat ist für mich, dass Kinder in Frieden aufwachsen - ohne die Angst vor Giftgas-Bomben oder einem Schul-Massaker durch Waffennarren.

Heimat ist, dass alle ihre Meinung frei sagen können - auch wenn andere sie für falsch halten.

Heimat ist, dass niemand Willkür fürchten muss, sondern der Staat an Recht und Gesetz gebunden ist.

Heimat ist, dass Reichtum, der gemeinsam erwirtschaftet wird, auch gerecht verteilt wird - zumindest halbwegs.

Heimat ist, dass jede und jeder nach seiner Façon selig werden kann und Rechte und Chancen nicht vom vermeintlich richtigen Glauben abhängen.

Wo das nicht ist, will ich nicht zuhause sein.

Es sind nicht zuletzt Werte und Ideen, die Heimat ausmachen. Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität - diese Werte verbinden seit jeher Menschen über Grenzen hinweg und unabhängig von Vaterland oder Muttersprache. Deshalb war einst der junge Willy Brandt in Skandinavien heimischer als in Nazi-Deutschland, und deshalb steht heute vielen ein verfolgter Demokrat in der Türkei näher als ein deutscher Rassist.

Die Quelle all jener Werte, die unsere Heimat ausmachen, ist heute das Grundgesetz. Es garantiert Freiheit und Frieden, Vielfalt und Solidarität. Gerade weil in vielen Teilen der Welt Menschen diese Werte bitter vermissen, hoffen sie darauf, in Deutschland eine neue Heimat zu finden.

Wer auf der Suche nach der Kraft ist, die unsere Gesellschaft im Innersten zusammenhält, muss deshalb auch auf unsere Verfassung schauen. Verfassungspatriotismus ist die schönste Form von Heimatliebe. Sie ist das Gegenteil von Deutschtümelei, aber kein Gegensatz zu unserer Nation und ihrer Geschichte. Heimat ist eben auch, Identität und Selbstbewusstsein nicht aus verklärter Vergangenheit zu ziehen, sondern aus der Fähigkeit zur Selbstkritik beim kollektiven Blick zurück.

Meine Heimat ist dort, wo das Recht die Freiheit sichert. Insofern gehören zu meiner Heimat auch das Grundgesetz und die Vielfalt. Die Vielfalt der Herkünfte und der Hautfarben, der Religionen und der Lebensstile. Diese Vielfalt ist keine Bedrohung und nichts, was uns Angst machen muss. Einheit wird nicht durch Homogenität gesichert, sondern durch gleiche Freiheitsrechte für alle. Sie sind nicht nur Garantie, sondern auch Grenze; wer Freiheiten in Anspruch nimmt, muss sie auch anderen zugestehen. Alle müssen die Werte des Grundgesetzes respektieren - wo auch immer sie geboren sind.

Im Grundgesetz ist "Deutsch sein" nicht biologisch definiert. Mit dem Unwort vom "Bio-Deutschen" kehrt mehr als 70 Jahre nach Auschwitz der Rassismus verharmlosend in unsere Sprache zurück. In unserem Land leben rund 18 Millionen Menschen mit ausländischer Abstammung. Viele von ihnen sind hier geboren, fast alle sind hier zuhause. Deutschlands gefeierter Golden Globe Gewinner heißt Fatih Akin, einer unser klügsten Denker Navid Kermani und unsere erfolgreichste Eiskunstläuferin Aljona Savchenko.

Der Heimat-Begriff darf nicht für Abschottung und Ausgrenzung missbraucht werden, sondern er muss mehr Verbundenheit und Gemeinschaft stiften - für und mit allen. Deshalb darf ein moderner Verfassungspatriotismus in den Debatten um Heimat nicht fehlen.

Veröffentlicht am: 23.02.2018

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