70 Jahre Saar-Verfassung

16/12/2017 Gastbeitrag

Gerade erst hat eine Studie bestätigt, dass das Saarland beim gesellschaftlichen Zusammenhalt im Bundesvergleich auf Platz 1 liegt. Das besondere Wir-Gefühl der Bürger liegt auch in Geschichte und Lage der Region begründet: Zwischen zwei Weltkriegen und dem Zusammenwachsen Europas nach 1945 war das Saarland wechselnd ebenso Prellbock wie Brücke zwischen Deutschland und Frankreich.

Ich blicke als Saarländer auf Deutschland und Europa. Ich bin in Saarlouis geboren. Ludwig XIV. ließ die Stadt einst als französische Festung erbauen, die Nazis wollten sie germanisieren und benannten sie in „Saarlautern“ um. Jahrhundertelang kämpfen in der Region Deutsche und Franzosen um Macht, Land und Ressourcen. Meine Großmutter hat über 80 Jahre am gleichen Ort im Saarland gewohnt – und doch hatte sie wegen des politischen Hin und Her in ihrem Leben mehrere verschiedene Pässe. Aber sie hat noch erlebt, dass die Frage „Deutschland oder Frankreich?“ für uns Saarländer an Bedeutung verloren hat, weil Europa die Antwort darauf geworden ist.

Im Saarland ist Europa heute nicht bloß Ideal, sondern Realität, Freizügigkeit keine Theorie, sondern Alltag. 18 000 Menschen kommen jeden Tag aus Lothringen, um im Saarland zu arbeiten. Rund 8000 Saarländer pendeln nach Luxemburg – seit 2005 hat sich die Zahl verdoppelt. Grenzen schließen? Euro abschaffen? EU auflösen? Nicht nur für das Saarland, sondern für die ganze Exportnation Deutschland wäre dieser Nationalismus wirtschaftlich verheerend.

Es gab immer wieder Phasen, in denen das Saarland ein Spielball fremder Interessen war, aber auch immer wieder die Hoffnung, Keimzelle für ein zusammenwachsendes Europa zu werden. So war auch die am 17. Dezember 1947 in Kraft getretene Verfassung des Saarlandes ein Wertekanon, dem sowohl die französische Militärregierung als auch die pro-europäischen Verfassungsväter ihren Stempel aufgedrückt hatten.

Das Bekenntnis zur „Verständigung der Völker“ und zum „Frieden der Welt“ gab der Saar-Verfassung nach dem Zweiten Weltkrieg eine Vorbildfunktion bei der Erneuerung Europas. Als sich das Saarland 1955 in einer Volksabstimmung für den Beitritt zur Bundesrepublik entschied, wurde die saarländische Verfassung an das Grundgesetz angepasst und die Präambel ersatzlos gestrichen, die die politische Unabhängigkeit von Deutschland und die wirtschaftliche Anbindung an Frankreich betont hatte.

Die Entscheidung der Saarländerinnen und Saarländer für Deutschland war keineswegs eine Entscheidung gegen Europa. Vielmehr zeigt sich die Weltoffenheit und Europafreundlichkeit des Saarlandes in einer weiteren Verfassungsänderung: 1992 war die Verfassung des Saarlandes die erste Landesverfassung in der Bundesrepublik, die die europäische Einigung zum Staatsziel erklärte.

Die wechselvolle Geschichte der Saar-Verfassung zeigt, dass die Entwicklung einer Demokratie selten auf einer geraden Linie verläuft, sondern meist Windungen und Umwege nimmt, die der wunderschönen Saarschleife gleichen. Und dennoch – oder gerade deshalb: Alles fließt, alles ist immer in Bewegung. Deshalb lohnt für jeden bekennenden Europäer ein Blick an die Saar: Wir müssen jede Chance ergreifen, um Hürden zwischen Menschen und Ländern abzubauen und die europäische Integration zu vertiefen. Wir müssen uns angesichts von Brexit und nationalistischen Tendenzen in mehreren Mitgliedstaaten aber auch selbstkritisch fragen, ob Brüssel und die Europapolitik eng genug dran sind an den Ängsten und Nöten der Bürger.

Der besondere Zusammenhalt der Saarländer untereinander – unabhängig von religiösen Bindungen und politischen Sympathien – kann uns Mut machen, auf dem beschwerlichen Weg der europäischen Zusammenarbeit nicht zu verzagen. Das Wir-Gefühl und die freundschaftliche Gelassenheit der Saarländer zeigen uns mitten in Europa, dass eine immer enger vernetzte Welt nicht zwangsläufig zur Spaltung von Gesellschaften und der Vereinzelung von Menschen führt.