Holocaust Gedenktag

„Hey Siri, was heißt Holocaust?"
Noch nie war es so einfach, an Informationen zu kommen. Suchmaschinen wie Google bewältigen täglich mehrere Milliarden Anfragen. Die Antwort auf komplexe Fragen ist scheinbar nur einen Mausklick entfernt.

 Die Digitalisierung ermöglicht uns Zugang zu einer unendlichen, ständig verfügbaren Menge an Wissen.
Und doch zeigt sich Tag für Tag: diese Freiheit des Wissens schützt nicht vor Enge in den Köpfen. 

Sie ist keine Versicherung gegen Intoleranz, Rassismus und Antisemitismus. Im Gegenteil: Was einst am Stammtisch geraunt wurde, wird nun mit einem Klick für alle Welt öffentlich. Hass kann sich schneller verbreiten, in Hetze münden. Und schlimmstenfalls in Gewalt.

Wir sehen, wie in ganz Europa Nationalismus propagiert wird und Feindbilder genutzt werden, um die eigene dumpfe Ideologie zu rechtfertigen. Rechtspopulistische Provokateure relativieren den Holocaust - im Wissen, dass ein solcher Tabubruch maximale Aufmerksamkeit beschert. Rechte zeigen auf offener Straße den Hitlergruß, jungen Männern wird die Kippa vom Kopf gerissen, jüdische Kinder werden beschimpft.

Eine Mehrheit der Deutschen beobachtet ein Ansteigen von Antisemitismus, wie eine gerade veröffentlichte EU-Studie ergeben hat. Direkt Betroffene sehen es noch drastischer: Fast 90 Prozent der jüdischen EU-Bürger sagen, dass Antisemitismus in ihrem Land zunimmt. Wenn Jüdinnen und Juden in Europa wieder Angst haben, ist das beschämend.

Unsere Erinnerungskultur bröckelt, sie steht unter Druck von extremen Rechten.

Umso gefährlicher ist das Unwissen gerade der jungen Deutschen, was eine CNN Erhebung offenbarte. 40 Prozent wissen nach eigener Einschätzung kaum etwas über den Holocaust. Das sind schockierende Zahlen, die wir nicht tatenlos hinnehmen dürfen.

Wir müssen die Geschichten der Menschen bewahren, die aus eigenem Erleben von dem Unfassbaren berichten können. Menschen wie Pinchas Gutter.
Pinchas Gutter kam 1932 im polnischen Łódź zur Welt. Als am 9. November 1938 in ganz Deutschland Synagogen brannten, war er sechs Jahre alt. Als er mit seiner Familie in das Konzentrationslager Majdanek deportiert und von seinen Eltern und seiner Zwillingsschwester getrennt wurde, war er zehn Jahre, bei Kriegsende 12 Jahre alt. Er überlebte, als einziges Mitglied seiner engeren Familie.

Pinchas Gutter erlebte eine Kindheit, bestimmt durch das größte Menschheitsverbrechen der Geschichte, den Holocaust. Eine Kindheit, für heutige 12-Jährige kaum vorstellbar.
Doch es sind Menschen wie er, die vom Holocaust berichten können, wie es keine Suchmaschine jemals vermögen wird. Die an Schulen und Gedenkstätten mit jungen Menschen sprechen. Die verdeutlichen, wozu Antisemitismus und Rassismus führen kann.

Als ich begann, mich als Schüler mit den nationalsozialistischen Verbrechen auseinanderzusetzen, waren die NS-Verbrechen noch gegenwärtig. Viele in meinem Umfeld gehörten zur Erlebensgeneration.

Heute haben Kinder und Jugendliche diesen Bezug nicht mehr. Wer heute geboren ist, für den ist etwa die Pogromnacht zeitlich genauso weit entfernt wie bei meiner Geburt ein Reichskanzler Bismarck.
Das verändert das Gedenken, schafft mehr Distanz. Der Zeitpunkt, an dem Zeitzeugen wie Gutter nicht mehr vom NS-Unrecht berichten können, er rückt näher.

Unsere Gedenkkultur muss sich daran anpassen.

Die Auseinandersetzung mit dem NS-Unrecht hat dazu beigetragen, dass unser Land heute liberal, weltoffen und friedlich ist. Darauf dürfen wir uns aber nicht ausruhen. Was wir jetzt brauchen sind neue Ansätze, um historische Erfahrungen für die Gegenwart zu nutzen. Unsere Geschichte muss von einem Erinnerungs- noch stärker zu einem Erkenntnisprojekt werden.

Damit das gelingt, müssen Gedenkstätten nicht nur Erinnerungs-, sondern auch Lernorte sein. Junge Leute sollten nicht mit gesenktem Kopf herauskommen, sondern mit mehr im Kopf. Erinnern sollte nicht museal, sondern gegenwärtig sein.

Mit Programmen wie dem jüngst ins Leben gerufenen „Jugend Erinnert" versuchen wir diesen Aspekt zu stärken. Historisches Wissen müssen wir nicht nur bewahren, sondern in soziales Verhalten ummünzen. Gute Beispiele dafür gibt es. So arbeitet die Aktion Sühnezeichen noch immer für die Aussöhnung mit den Opfern von einst. Sie engagiert sich aber auch für Menschen, die heute sozial benachteiligt und ausgegrenzt werden, zum Beispiel für Geflüchtete und Obdachlose.

Oder: Das „Haus der Wannseekonferenz". Es informiert nicht allein über die Geschichte des Völkermords. Es schult auch Beamte über die Mechanismen, die Juristen einst zu Schreibtischtätern machte.

Wie auch die Digitalisierung dazu beitragen kann, zeigt das Beispiel von Pinchas Gutter. Er wird selbst dann noch 12-Jährigen von seinen Erfahrungen berichten, wenn er nicht mehr unter uns ist. In einem Projekt mit der University of Southern California beantwortete er hunderte Fragen zu seiner Geschichte. Dabei wurde ein Hologramm erstellt. Er und weitere Zeitzeugen werden Schülern auch in Zukunft als dreidimensionales Gegenüber eine wesentliche Erkenntnis weitergeben können: Wir dürfen nie vergessen. Wir dürfen nie gleichgültig sein. Wir müssen eintreten für unsere liberale Demokratie. Es liegt an uns.

Veröffentlicht am: 27.01.2019

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